die kleine Oranienburger LG

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Berlin. Ein lauter Knall hallt durch die Alexanderstraße, theoretisch, denn ich höre ihn nicht…höre nur wie vor mir die Massen Jubeln…..und irgendwann setzen sich auch die Massen aus Block C, D und E…und wohl auch F in Bewegung. Erst langsam und dann immer schneller trotten sie in Richtung Nordwesten wo sich irgendwo in der Ferne die Startlinie…die Zeitmesslinie befindet. Angefeuert werden sie von tausenden Zuschauern, die an die Absperrung hämmern und lauthals in die Menge brüllen. Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Gänsehautstimmung…..nein….mich nervt es….

Es fällt mir schwer, mich zu bremsen. „Bloß nicht zu schnell beginnen“, denke ich mir…..aber meine Sorge ist unbegründet…. Denn wer aus Block D startet hat viele ruhige Läufer vor  und neben sich…muss sich Drumherum schleichen und erschwerend kommt dann nach Kilometer 2 und 3 immer mehr Läufer dazu, die aus Block A (wie man auf ihren Startnummern ablesen kann) gestartet sind und eigentlich da nichts zu suchen haben.  Neben mir ein Mann, keuchend wie eine Lokomotive und ebenso kräftig, seine Startnummer verrät: >Block A< !!!!  Viele sind darunter die sich  dort definitiv falsch platziert haben…. Egal….ich laufe und es läuft….und es läuft mit jeden Schritt den ich setze immer besser….

Es ist mein erster Halbmarathon seit einigen Jahren den ich offiziell mitlaufe, wenn auch für einen guten Freund, der verletzungsbedingt nicht teilnehmen konnte.

21km sind 21km und ich habe Respekt vor dieser Strecke. 21 Kilometer können lang werden. Wer sich vom Sog der Läuferschar mitreißen lässt, der läuft Gefahr, hinten raus einzubrechen. Etwas, was auch mir immer wieder passiert, wenn ich mit den Gedanken in irgendein Problem stecke, dessen Lösung mir Kopfzerbrechen bereitet.

Wir durchqueren das Brandenburger Tor und steuern auf die Siegessäule zu…. Neben mir höre ich plötzlich ein >>Uuuuh, was für ein Gänsehaut-Feeling<< ich schaue an mir herunter…hmmm…..von dem Beschriebenen Gänsehautfeeling keine Spur…. Es ist eine 21km Strecke und im Wald wäre sie angenehmer zu laufen…denke ich mir….

Das rhythmische Getrappel der Läufer klingt mir in den Ohren, das ist für mich wie Musik…besser als der Lärm den die verschiedensten Bands verbreiten…. Einzig meine geliebte Indianermusik fasziniert mich unendlich….doch schnell bin ich vorbei…. Gedanklich höre ich sie noch lange klingen.

Ich versuche mich abzulenken und suche ein Thema, über das ich nachdenken kann. Dabei lande ich bei  meiner Lieblingsfrage, warum ticken Frauen wie sie ticken….wenn sie dann mal ticken, explizit einige Mütter, wenn sie beginnen die gemeinsamen Kinder als ihr Eigentum anzusehen ….   Ihre Beweggründe sind so unterschiedlich, das mir einmal mehr bewusst wird wie schlimm dieses ticken für die Kinder ist….

Es ist warm, der Planet drückt von oben „Wärmer muss es nicht werden“, denke ich und bemerke erste Schweißtropfen, die mir von der Stirn rinnen. Das Wetter ist gut, fast zu gut …. Aber man traut sich nicht, sich daran zu gewöhnen….. die letzten Tage, nein Wochen waren….na ja, bescheiden eben.

Wieder versuche ich mich abzulenken….. Mittwoch steht ein erneuter Gang zum Gericht an…. Es geht um meine Tochter….. Es ist ein doofes Thema….ein anderes wäre gut, aber mein Kopf ist leer…zu leer….und weiter setze ich ein Fuß vor den anderen…. Wie viel Schritte hat ein Halbmarathon?

Ich schaue auf die läuferischen Fähigkeiten meiner Mitläufer…. Manche sehen echt seltsam aus… rot im Gesicht, keuchend geht der Atem…. Was motiviert sie sich so zu quälen. Sicher wollen die einen eine bestimmte Zeit erreichen, andere wollen einfach nur Spaß haben.

„Ich habe keine Ahnung, was mich am Mittwoch erwartet“…. da sind sie wieder, diese quälenden Gedanken…..

Ich zwinge mich an Sascha, meinen Sohn zu denken…. Sascha nahm das Wort „Bestzeit“ in den Mund und plante, seine alte Bestzeit anzugreifen…. Da gab es auch eine Oranienburger Frau die selbiges plante….. „Wie es den beiden wohl geht?“, frage ich mich und starre in das bunte Feld der Läufer…. Werden sie ihre Zeiten knacken????

Sehe ich sie irgendwo?

Irrwitzig….sie sind beide aus Block A gestartet….

 

Es folgen Kilometer um Kilometer…. Für den einen sind es stimmungsvolle Kilometer, für den anderen belastende….und wieder für ganz andere sind es Kilometer die den Kopf zumindest für diese Zeit frei machen…..

Ab und an fällt mir ein Polizist am Straßenrand auf….manchmal sind es zwei oder drei. Materialistisch aufgerüstet  lehnen sie lässig und gelangweilt, bekleidet mit Schutzweste und Sonnenbrillen, die Kippe lässig im Mundwinkel und die Hand am Colt, an ihren Fahrzeugen. Frei stehen tun die wenigsten…. Sind schon zu bedauern die Jungs…. Die Terror Gefahr scheint allgegenwärtig….sagt die Presse….das was die Trachtentruppe vermittelt sieht anders aus….

Mein Vorname der nicht meiner ist,  ist auf die Startnummer gedruckt. Ab und zu spricht mich einer an… reagieren tue ich nicht…. Ich laufe und laufe….und laufe…. Und manchmal habe ich das Gefühl ich würde zumindest versuchen den Problemen davon zu laufen…..

Irgendwie werden meine Beine schwer…aber da kommt der Sportladen meines Vertrauens….da soll sie stehen….unsere gemeinsame Fotografin… Ich schaue und schaue und laufe und laufe….keine Fotografin da….. meine Zeit weiß ich nicht. Mein Handy sollte die Zeit und die Strecke aufzeichnen, aber es sagt nichts und das Display ist dunkel….   Wo ist sie… bin ich in so einer miserablen Zeit unterwegs….?

Natürlich hatte ich mich vorbereitet….nicht nur auf diesen Halbmarathon…. Doch ich war volle drei Wochen völlig aus dem Verkehr gezogen…Grippe…. noch nie hatte ich eine Grippe…. Dieses Jahr hatte es mich voll erwischt …

Plötzlich sah ich die Läufer mit völlig anderen Augen…. War ich es der so keuchte….stimmt meine Wahrnehmung nicht???  Eine Läuferin überholt mich und führt mir vor Augen, wie elegant Laufen aussehen kann. Aber sie ist jung…bestimmt sehr jung, tröste ich mich. Auch wenn ich diesmal in der AK 40 laufe, so bin ich doch schon 53….

Mein Ziel war gesund durchkommen, irgendwo um die 1:40:00 laufen und den Kopf frei kriegen…. Die Zeit war zweitranig … es kommen noch genügend Läufe dieses Jahr… also was solls…

Dann war sie da….die letzte Kurve vor der Zielgeraden….wo alle noch mal richtig los spurten…alles geben….

Als ich auf das Ziel zu renne sehe ich die Zeit….. ich traue meinen Augen nicht…. nach 1:32:18 laufe ich über die Ziellinie…. Und fühle mich gut… ich fühle mich nicht wirklich frei im Kopf, aber ich fühle mich gut…..

Als mir meine Teilnehmermedaille um den Hals gehängt wird und ich mich mit einem Becher Tee in der einen und einer Banane in der anderen Hand zum Ausgang bewege… ganz langsam laufe ich…lass mir die Sonne ins Gesicht scheinen spüre ich es…. da ist eine kleine Träne im Auge…. Eine kleine Träne für meine Tochter …. Für meine Kinder laufe ich….Viele Läufe bin ich mit ihnen im Herzen gelaufen….. auch diesen Lauf widme ich meinen Kindern. Die Besten die es gibt…

Ich habe ihnen versprochen, dass ich glücklich oder sehr glücklich nach Hause komme…. Zufrieden sein ist Glücklich sein…  Man muss auch mal zufrieden sein.“