die kleine Oranienburger LG

     Marsch auf den Fichtelberg (3)    Marsch auf den Fichtelberg (2)  Bilder vom Marsch – bitte hier klicken

Das Fernwandern nicht unbedingt ein halbes Jahr dauern und nicht zwangsläufig nach Santiago de Compostela führen muss, zeigte mir eine 65 km lange Wandertour von Chemnitz zum Fichtelberg durchs Obererzgebirge. Der Fichtelbergmarsch führt von Chemnitz über ca. 65 km und 1700 Hm auf den Fichtelberg. Der direkte Weg wäre wohl ein gutes Stück kürzer gewesen, aber es soll sich ja auch lohnen und es hat sich gelohnt.

Es war Hammerhart,  ein Lauf zur Selbstfindung, schön…super….

Die ganze Aktion ist ziemlich verrückt und war damit genau das Richtige für einen Selbstversuch im sächsischem Extremsport. Vielleicht hätte ich mir die Zeit nehmen sollen um einige Vorbereitungswanderungen durchs Erzgebirge durchzuführen, aber ich fühlte mich durch meine 100km Strecken einigermaßen gut vorbereitet und blickte gespannt diesem Erlebnis entgegen.

Ab ca. 5 Uhr füllte sich der Parkbereich und im Minutentakt trafen Wanderer, Jogger und andere, auch vierbeinige, Extremsportler am Erlebniscentrum an der F.-O.-Schimmelstraße ein.  Laut Moderator sollten es wohl um die 700 Teilnehmer sein, alle traten an, um die 64km zwischen Chemnitz und dem Fichtelberg zu bewältigen, dem Aussehen nach,  eine ziemlich bunte Mischung aus leicht Verrückten Wanderern, und Ausdauer-Sportlern.

Fast pünktlich, um 05:30 Uhr liefen dann auch die ersten los. Da mein vierbeiniger Begleiter, so wie immer, völlig aus dem Häuschen war, beschloss ich, nicht im großen Pulk zu starten, sondern ganz in Ruhe, mit den letzten Wanderern loszulaufen. So kurz vor 06.15 begaben sich Lena (mein Hund) mit mir im Schlepptau und  mit weiteren 7 Mitstreitern, allesamt bepackt,  auf die Strecke.

Nach ca. 3 km verließen wir die Stadt, welche ich noch immer als >meine Stadt< bezeichne…. Denn viele Erinnerungen wurden am Abend zuvor, als ich meine kleine Stadtrunde lief wach. Zwischen den Feldern machte das Wandern, trotz des einsetzenden Regens und des heftigen Windes, gleich mehr Spaß. Ein Stoßgebet zum Himmel, doch wenigstens >Heute< etwas von der globalen Erwärmung hier her, auf die Strecke zu schicken, wurde vom Wettergott ignoriert…. Da auch das Maulen nichts bringt und sich dadurch nur schlechte Laune ausbreitet, ging es eben bei leichten Nieselregen durch eine schöne Landschaft.

Ab Kilometer 5 beschloss ich,  dass es Zeit ist,  die Gruppe, die sich sowieso auseinanderzog zu verlassen um mein eigenes Tempo zu laufen. Es lief super und ich beschloss etwas zu joggen. Meinem Hund war das Tempo, welches wir bis dato liefen,  sowieso zu langsam.  Ohne Probleme joggte ich, trotz des Kampfrucksacks mit sicherlich viel zu vielen unnötigen Sachen darin, meinen eigentlich nicht Jogger freundlichen Outfit und den Knobelwanderschuhen, an einigen Gruppen vorbei.

Plötzlich war sie da….die erste Verpflegungsstation! Ich war echt so in Gedanken, dass ich beinahe dranvorbei gelaufen wäre. Ein wahnsinnsaufgebot an Menschen…. Allesamt Freundlich und gut gelaunt…. Und die Versorgung ließ wohl keine Wünsche offen: Belegte Brote, Riesenbockwürste, Obst, Müsliriegel, Eier, Fruchtbrot, Ananas, Melonen….   Gut gestärkt geht es weiter.

km 13: es ging schon eine Weile so….meine Gedanken Kreisen…. wieso kommen mir denn jetzt plötzlich diese Gedanken in den Sinn?

Aber egal, Hauptsache ich bearbeite meine Gedanken. Bei dieser langen Strecke braucht man das. …?

Irgendwie gesellte sich eine junge Frau, mit so was von roten Haaren, an meine Seite und da blieb sie auch….dankbar nahm ich diese freundliche Begleitung an und gemeinsam auf einer Welle liegend, unterhielten wir uns über Gott und die Welt….bei einem Wandertempo….einfach zügig – schnell….. vorbeiziehend an anderen…die uns fragten, ob wir auf der Flucht sein…. bin ich auf der Flucht – wieder mal…

Marsch auf den Fichtelberg (4)

Sie war ein Wanderer – Enthusiast und Jakobswegerfahren. Was sie erzählte war spannend und machte Lust auf das Erlaufen neuer Strecken… anderer Wege…. Wege die einen mit Sicherheit klarer sehen lassen.

Das Wetter wurde von Kilometer zu Kilometer besser, der Wettergott hatte ein Erbarmen und vertrieb die Regenwolken und die Sonne bekam die Möglichkeit das junge Grün der Eichen und Buchen zu bescheinen.

Die Abstände zwischen den Gruppen und Einzelwanderern wurden immer größer und ich registrierte, dass wir nicht überholt wurden. Auch meine Begleiterin freute sich über das Tempo und rechnete aus wann wir, wenn wir das Tempo halten würden, oben auf dem Berg ankommen ….

Wenn wir beide mal die Klappe hielten, war bis auf das Zwitschern der Waldvögel nichts zu hören. Die noch Schnelleren sind weit voraus und hinter uns sehen wir weitauseinander gezogene Gruppen mit weiteren Teilnehmern. Herrlich!

Mitten im Wald  stand der Veranstaltungsfotograf und hielt kräftig drauf….

Wir konnten beide lachen und ich hoffe sehr, dass diese Bilder später irgendwo zu finden sind….

Fröhlich gestimmt erreichen wir den zweiten Verpflegungspunkt, bei dem schon deutlich mehr Platz ist…schließlich sind noch gar nicht so viele so weit gekommen.  Die Helfer des Versorgungsteams sind einfach nur super freundlich. Also ich hatte ja schon immer eine Schwäche für die Sachsen und wurde hier nur wieder bestätigt. Allerdings…. Ich muss es hier loswerden…. es ärgerte mich schon ein wenig, dass alle meinen Hund umsorgten….aber….ich war’s ja gewohnt… wer umsorgt den mal mich…. ?????

Zu meiner Begleiterin, die die Strecke lobte und die Landschaftlich immer noch ein wenig mehr schön fand, sagte ich nur, sie sei trotzdem hart und wir müssen weiter damit wir unsere Zielzeitvorstellung schaffen…… und schon zogen wir beide auch schon los…gestärkt von all den Köstlichkeiten. Selbst Bier war im Angebot….

Kilometer 34 – Noch immer zogen wir zügig an anderen Wanderern vorbei und freuen uns darüber, die halbe Wegstrecke geschafft zu haben. Die Beine geben nun allerdings auch  leichte Belastungszeichen. Aber bei dem schönen Wetter und der netten Begleiterin ist das alles nicht so schlimm.

Ein Wanderer, der am Wegrand saß klagte über brennende Fußsohlen und schmerzende Ballen und Zehen. Wirklich helfen konnten wir nicht. Ein paar tröstende Worte und dann waren wir auch schon weg.

Ein Wanderer, den wir überholen wollten, schloss sich uns an. Da er die Strecke schon mehrmals gewandert ist, kannte er sich aus und erzählt vom herben Finale: Nach der letzten Verpflegungsstation ginge es lang und steil bergauf, dann wohl fieser weise noch einmal herunter und schließlich wieder lang und noch steiler hinauf zum Fichtelberg.

Heimlich denke ich mir, diese Mittelgebirgssteigungen können so schlimm ja nicht sein. Außerdem meint er noch abschließend, die Strecke wäre nicht 64, sondern 65 km lang. Na, da hat sich das frühe Aufstehen ja doch gelohnt. Zum Glück sind es nur noch 25 km…oder so… vielleicht….waren wohl meine Gedanken… um einer stillen demoralisierenden Wanderstimmung vorzubeugen, zog ich das Tempo noch etwas an ….. was zur Folge hatte, dass meine nette freundliche Begleiterin zurückblieb….. ich sah mich noch mehrmals um…. Zieht sie mit? Nein…. Schade eigentlich….aber nun merkte ich das bei mir noch Kräfte frei sind und ich joggte in meiner schweren Kluft weiter…an anderen vorbei…. Und Gedanklich rief ich meiner zurückbleibenden Begleiterin zu:  „wir sehen uns  dann wieder auf dem Fichtelberg“.

Da ich mich gut fühle, dass joggen viel mir leicht, trabte ich weiter und mein Hund freute sich, dass wir schneller wurden.  Bald darauf überhole wieder ich einige schon deutlich Erschöpfte. Das von mir eigentlich als Abwechslung in der Belastung sehr geschätzte Rennen auf Gefällstrecken wird dank der brennenden Fußsohlen eher zu einer Abwechslung im Schmerz. Ich überhole eine Gruppe von  Teilnehmern die ihre  Wanderstöcke im Rucksack tragen. Das war für mich ein neues Bild…oder vielleicht ist es mir nur nicht aufgefallen…. Wozu schleppen sie die wohl mit, wenn sie sie gar nicht verwenden? >Stockenten eben<

Am letzten Verpflegungspunkt gibt es aufmunternde Worte vom Helferteam. Es seien nur noch 14 km. Verkneifen können sie sich allerdings nicht, daraufhin zu weisen,  das von nun an die Hälfte aller Höhenmeter vor uns liegen… Na bei so viel aufmunternden Worten fühlte ich mich doch gleich wohler… besser…beschwingter. Mein Hund wird gefüttert und gestreichelt…wieder mal mein Hund…. Ich nehme etwas zu essen mit auf die Strecke  und gehe weiter.

km 51: Wieder überhole ich Wanderer…die Schritte bei den meisten fallen nun deutlich kleiner aus.

Sieht das bei mir auch so aus?

Nein…. oder ich ignoriere es…)

Ein älterer Herr verwickelt mich kurz in ein Gespräch, aber unser eingelgtes Tempo, war ihn dann doch zu zügig und er bleibt zurück. Mit einigen netten Worten schickt er mich weiter. Aber es ist gut, immer mal wieder jemanden zu finden mit dem man ein paar Worte wechseln kann.  So fällt es leichter nicht an die harten Muskeln und die brennenden Sohlen zu denken….

Die angekündigte  Gefällestrecke ist plötzlich da und ich jogge los…ignoriere die Schmerzen…die Riemen meines Rucksackes, der nicht leichter wird, drücken auf den Schultern und die Knobelbecher an meinen Füßen scheinen irgendwie auch schwerer geworden zu sein….aber ich jogge an anderen, immer vereinzelter werden Wanderern vorbei….

Laut Schild sind es noch 7,5 km und so langsam zieht es sich… gewaltig hin…. Berghoch… nur noch berghoch Auf den letzten sechs Kilometern habe ich  noch mal einige Mitstreiter überholt. Man sieht jetzt verschiedene Formen des Leidens, von Kraftlosigkeit bis zu Leuten, die wohl vor lauter Blasen kaum noch gehen können.  Aber alle kämpfen weiter. Dann plötzlich rennt ein Jüngling an mir vorbei – ja…der rennt… OK…aber er hat Laufschuhe an und schleppt bestimmt nicht so viel Gerödel mit sich rum. Deutlich kleiner ist sein Rucksack, was ich ein wenig neidisch feststelle….

Die Sonne, die ich mir anfangs so sehr wünschte, beginnt zu nerven…. Ich wünsche mir kein Regen….aber auch keine Sonne…. Ich weiß nicht was ich mir wünsche… plötzlich sind auch die komischen Gedanken wieder da… hat das bald ein Ende? Es wird bestimmt ein Ende haben, denke ich, aber wahrscheinlich erst, wenn wir oben sind, mein Hund und ich

km 60:  die, die ich treffe und überhole sehen aus, als wären sie am Ende. Zumindest ein bisschen am Ende. Ich selbst fühle mich konditionell zwar noch einigermaßen fit, aber der Schmerz in den Beinen ist einfach lästig,  er hindert mich nicht,  deutlich schneller zu gehen…. Aber vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein…. Vielleicht schleiche ich auch nur den Berg hoch…. Mittelgebirge hin oder her, aber mit über 60 Kilometern in den Beinen ist die Steilheit dieses Weges wirklich eine Gemeinheit des Veranstalters…eine böse Herausforderung der Sachsen…. vielleicht sind die gar nicht so nett…. Ich bin mir nicht mehr sicher!

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Links taucht plötzlich eine Wetterhütte auf…mit einer Bank davor, einer richtigen Bank die einladend dasteht und sicherlich nur darauf wartet einen müden Wanderer Platz zu bieten, zum Ausruhen, zum Erholen….zum Schlafen…..

Was sind das nun wieder für Gedanken?  Leicht angesäuert schicke ich meinen inneren Schweinehund ins Körbchen und dann endlich sehe ich das Fichtelberghaus. Nun ist es nicht mehr weit. Noch ein paar letzte Stufen und wir sind im Ziel…mein treuer Hund und ich…. Aber erst noch 10 Stufen….warum sind hier Stufen?

Ca. 10 Meter vor den Stufen ein Wanderer mit blauer Jacke…. Den möchte ich nun auch noch überholen….es gelingt….und dann bin ich oben und kann es genießen, dieses wunderbare Gefühl nach dem Erklimmen der letzten Stufen!

Kurz hinter mir der Wandersmann in blauer Jacke….gemeinsam noch das Zielfoto

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Der Moderator sagt ich wäre der 33zigste im Ziel und der zweite mit Hund…. Freude, Erleichterung und Stolz kommen auf, können die Erschöpfung vertreiben. Nur 32 Teilnehmer sind vor uns angekommen, gar nicht schlecht. Jetzt erst mal Beinmuskulatur dehnen, die tolle Aussicht genießen, zu einer Bank humpeln und etwas essen, während nach und nach andere Teilnehmer eintreffen.

Ich wollte noch auf meine abhanden gekommene rothaarige Begleiterin warten, aber der Wind wurde echt heftig…vielleicht war er es schon die ganze Zeit und ich habe es nur nicht bemerkt….egal, ich beschloss den ersten Bus zu besteigen und zurück nach Chemnitz zu fahren…. In mein Chemnitz mit den freundlichen Menschen!

Im Bus sitzend schaue ich auf die Menschen die mit mir im Bus sitzen…. ganz schmerzfrei war sicher keiner mehr, aber alle, die hier im Bus sitzen wirkten zufrieden und ein leichter Glanz liegt in den Augen….

Wirklich völlig verrückt, diese Veranstaltung, aber großartig.

08 Stunden, 12 Minuten und 22 Sekunden benötigte ich für den Weg von Chemnitz zum Fichtelberg – ich denke das ich mit diesen Ergebnis zufrieden sein kann…..

Ein Danke möchte ich hier nach an die Kameraden der Bergwacht schicken. Auch wenn ich euch nicht benötigte, vielen Dank für die tolle Arbeit!!! Ein Dank auch an all die Helfer, die sich wirklich liebevoll um all die Dinge kümmerten …die der hungrige Wanderer auf seinen Weg benötigt…. Gerne kommen wir wieder!!!!